Der Herbst ist in vollem Schwung, die Läden strotzen mit Weihnachtsleckereien und ich sitze wieder mehr am Laptop. Nächstes Jahr soll es einige neue Werke von mir geben, d.h. es gibt viel zu tun.
Ende Oktober habe ich das Manuskript Ein Schimmer am Horizont: Neues Land an meine Lektorin geschickt – vorbestellen könnt ihr schon – und gedacht, dass ich die nächsten Wochen eine Pause einlege. Aber dann kam etwas dazwischen: ein Thema, das förmlich danach schreit, erkundet zu werden. Nein, es ist nicht der Erste Weltkrieg, obwohl ich damit 2027 beginnen werde. Es geht um Verschickungskinder.
Schmutzige deutsche Geschichte: Verschickungskinder
Bis vor ein paar Jahren war die Geschichte der Verschickungskinder fast unbekannt. Unfassbar, wenn man bedenkt, dass geschätzte elf Millionen deutsche Kinder zwischen den 1950er und 1980er Jahren in Kur- und Erholungsheime an Nord- und Ostsee, aufs Land und in die Berge verschickt wurden. Eigentlich keine schlechte Idee, Kindern einen Urlaub zu ermöglichen, oder?
Bis man erfährt, wie es vielen Kindern in diesen Heimen ergangen ist. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Erlebtes, Erinnerungen und vor allem Traumas erst spät im Leben realisiert werden. Körper und Kopf haben das Erlebte verstaut/versteckt und irgendwann, wenn der Mensch altert, verlangen diese Dinge, gehört und gefühlt zu werden. Aber ich muss ein wenig ausholen.
Ab den 1950er Jahren wurden Kinder vom Säuglingsalter bis zu den frühen Teenjahren verschickt, meist sechs Wochen oder mehrere Monate, manche auch länger. Angeblich benötigten sie frische Luft, Erholung und Behandlungen fernab ihrer Eltern unter der Obhut fremder Ärzte, PflegerInnen, christlicher Schwestern usw. Was diese Kinder erlebten kommt mit immer mehr Zeitzeugenberichten ans Licht: Misshandlungen, Medikamentenexperimente, Isolation, Demütigungen, Einnässen, Zwänge aller Art (z.B. Essen, Schlafen, Stillliegen)
Es gibt viele Gründe, warum diese schrecklichen Ereignisse so lange ignoriert wurden. Darüber könnt ihr zum Beispiel in den Büchern von Anja Röhl lesen oder in dieser ARD-Doku mehr erfahren. Auf jeden Fall hat mich das Schicksal der vielen oft kleinsten Kinder sehr betroffen gemacht. Nicht nur, weil sie kriminellen Torturen ausgesetzt waren, sondern weil ich selbst 1962 als Zweijährige sechs Wochen „zur Umerziehung“ im Solinger Krankenhaus verbracht habe und mich daran nicht erinnern kann. Ich glaube, dass einiges, was mir dort widerfahren ist, inzwischen versucht, ans Tageslicht zu kommen.
So viel also zur Motivation, einen Roman über die Verschickungskinder zu schreiben. Es ist nicht der erste, aber es gibt nicht allzu viele und ich werde wie immer auf meine Weise versuchen, ein wenig Licht in dieses schwarze Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte zu bringen.
Angefangen habe ich bereits.

